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War doch alles irgendwie normal
Ich höre oft die Aussage: "Das eigentlich Geniale an der Mauer war, dass sie zur Selbstverständlichkeit und Institution in der DDR wurde, keiner störte sich daran, sie gehörte zum Alltag. Niemanden kam der Gedanke was an der Mauer falsch sein sollte .... es wurde nie hinterfragt."
So kenne ich es auch. Es gab eine Grenze um die DDR ... na und? Jeder Staat hat eine Grenze. Was manche heute so dramatisieren, war damals einfach kein Thema. Einfach zu erklären an der heutigen EU und den Grenzstationen "früher". Früher musste man ein paar Grenzkontrollen überwinden, wenn man nach Tunesien fahren wollte. War normal.- aber Jugendliche, die in der EU heute aufwachsen und reisen, würde dies wundern. Bei jedem Land eine Kontrolle, anderes Geld? Ich kenne ja auch noch die Zeiten, wo es im Westen Grenzen gab. Das war völlig normal und okay, berechtigt. Grenzen gehörten dazu. Es war für mich eher unnormal, als in der EU die Grenzen fielen. Dass ich nach Luxemburg fuhr ohne einmal kontrolliert zu werden. Ich weiß noch, wie ich einmal an der Grenze BRD (Deutschland) zur CSSR festgenommen wurde. Aber ich sollte nur meinen Aufenthaltsort angeben. Irgendwie war ich zur Fahndung ausgeschrieben, weil irgendwelche Behörden nicht wussten wo ich auffindbar bin. Der Schreck saß tief, weil ich zu diesem Zeitpunkt schon hoch kriminell war und einige Leichen im Keller hatte. Ich sah mich schon im Knast *g*. Ich kenne halt noch die Zeiten, wo Grenzen Normalität waren. Das heutige Europa ist mir hingegen fremd. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich über Polen nach Estland reisen kann ohne angehalten zu werden. Sogar an der polnischen Grenze wurde ich schon verhaftet. Weil ich 1993 mit einem Mietwagen fuhr. Ich wusste nicht, dass man mit einem Mietwagen nicht nach Polen fahren darf. Die verdächtigten mich, dass ich den Mietwagen in Polen verkaufen wollte. Dabei wollte ich mit meiner Freundin nur mal einen polnischen Markt besuchen, spontane Entscheidung. Aber ist ja auch berechtigt, 1991 fuhr ich in der Tat mit Kumpels geklaute Autos mit gefälschten Papieren nach Polen. So gesehen waren Grenzkontrollen berechtigt. Aber heutige Jugendliche würden Grenzkontrollen wahrscheinlich als ungewöhnlich empfinden, weil sie in einer Zeit aufwuchsen, wo die Grenzen offen sind.
Gewöhnung. Man gewöhnt sich an alles. Und in der DDR gewöhnten wir uns halt daran, dass unsere Grenze etwas mehr gesichert war als die Grenze BRD zu Frankreich. Es war für uns völlig okay, dass man nicht einfach über die Grenze in ein anderes Land laufen kann. Darüber wurde gar nicht nachgedacht. Die Grenze war eine unabdingbare Sache wie die Luft zum Leben. Jeder Staat hatte eine Grenze. Und eine Grenze war nötig um ein Territorium abzugrenzen. Auch unsere Grenze war etwas völlig normales für uns. Das wir nicht in den Westen reißen durften, war auch völlig logisch für uns. Es gab den Westen und den Osten. Zwei Weltmächte die sich gegenüber standen. Die Wessis durften zu ihren West-Partnern reißen und wir Ossis durften zu unseren Ost-Partnern reisen. Aber Reisen von West nach Ost oder Ost nach West unterlagen halt Beschränkungen die jeder verstand. Wir wollten im Osten keine Westspione und der Westen wollte keine Ostspione. Reisefreiheit gab es in Ost und West. Der Ossi hatte seine Reisefreiheit, solange es sich um Reisen im Freundesland handelte. Der Osten ließ halt nicht Reisen in den Westen zu. Zu den Feinden. Und der Westen guckte auch genau darauf, welcher Wessi in den Ostblock reiste und vor allem warum. Wir Ossis hatten nicht das Gefühl, dass unsere Reisefreiheit beschnitten war. Es war für uns logisch, dass wir zwar in den Osten reisen durften, aber nicht in den Westen. Weil der Westen einfach Feindesland war.
Und nun fällt mir ein Kommentar bei einer bekannten Tageszeitung zu einem Artikel ein. "Soviele DDR Kritiker aus der DDR wie es heute gibt, hatte die DDR gar nicht als Einwohner." Wenn man den Medien heute glaubt, war ja jeder Ossi ein Gegner der DDR. Jeder Arsch, der damals die Fahne hoch hielt, seine Kollegen bei der Stasi angeschissen hat, ist heute plötzlich einer der sagt: "Ich war schon immer gegen dieses Regime!".
Weißte was ich meine? In der DDR waren 99% für die DDR. Keine Sau dachte oder wollte eine Wiedervereinigung. Überzeugte Bürger. Ich auch. Einige Freunde mauschelten sich durchs Leben wie ich. Waren nicht zufrieden mit allem, aber sie konnten sich arrangieren und gut leben. Wenn man pfiffig war, hatte man in der DDR nix auszusetzen. Das Leben nahm seinen Lauf in der DDR und jeder kam auf einen grünen Zweig. Entweder durch eine Karriere in den Parteiorganen, als harter Arbeiter oder als Pfiffikus im real existierenden Sozialismus, sprich "Eine Hand wäscht die Andere". Und so waren alle zufrieden und gut bedient. Es gab mehrere Wege zu einem guten Leben in der DDR. Und der Staat hat dir dabei auch nicht in die Schuhe geschissen, solange es alles okay war. Am Ende zählte das Wohl des Volkes. Und auch ein Schwarzhändler diente dem Wohl des Volkes. Was der Konsum oder die HO nicht liefern konnte, lieferten die Schwarzhändler. Das Volk war glücklich und stillgestellt mit West-Produkten. Woher die kamen, war scheiß egal. Hauptsache das Volk hatte ihre Westwaren und machten keine Demos. Das weiß ich aus eigenen Erfahrungen als Schwarzhändler in der DDR. Offiziell verstießen wir gegen das Recht in der DDR, aber im Grunde waren wir mehr als geduldet. Weil wir einen Bedarf deckten, den der Staat selbst nicht decken konnte. Auf der anderen Seite konnten es aber auch "echte" Arbeiter zu Wohlstand schaffen, die Bulkser. Sie arbeiteten sich irgendwann zu Betriebsleitern hoch und hatten gute Aussichten. Finanziell genormte Einkommen, aber hinter der Hand kamen sie an das eine oder andere heran. Da wurde schon ordentlich gemauschelt und man kam an das eine oder andere besser ran.
Oder man suchte seinen Weg in der SED, der Konformität. Da musste man nicht bulksen oder Schwarzware verticken, man hatte andere Möglichkeiten. Man wurde ein Repräsentant der DDR und profizierte von anderen Vergünstigungen.
Jedenfalls war die DDR die ich kenne, eine recht flexible Sache. Man konnte sich auf verschiedenen Wegen realisieren. Persönlich Erfolg einfahren.