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Schule und Gewalt

Tilo Sarrazin hat mit seinem umstrittenem Buch "Deutschland schafft sich ab" eine neue Debatte in Deutschland eröffnet. Die Ursachensuche nach den Problemen unserer Zeit wurde neu belebt. Wer hat Schuld an welchen Entwicklungen und was kann man dagegen tun?

Bei dem Thema, Tilo Sarrazins Buchtitel "Deutschland schafft sich ab", fallen mir noch weitere Gründe für den desolaten Zustand unserer gespaltenen Wohlstandsgesellschaft ein. Bei der Bildung fängt es an, den Zuständen an unsern Schulen. In unseren Schulen scheint nicht die Vernunft und der Lehrer zu regieren, sondern die Angst vor gewalttätigen Schülern. Das ist für mich unverständlich. Wieso ist der Schulkörper nicht in der Lage, auf gewalttätige Schüler zu reagieren? Hat er keine Handhabe? Wieso ist es möglich, dass einige Schüler die Lehrer mobben und das Niveau der ganzen Klasse herunter ziehen? Ich kann mir das nicht vorstellen.

Vielleicht liegt es daran, dass ich als Schüler in der DDR aufwuchs und derartige Ausuferungen wie heute einfach absolut unvorstellbar waren. Der Lehrer hatte das sagen. Nichts war peinlicher, als vor der Klasse wegen eines Fehlverhaltens bloß gestellt zu werden. Klassenkasper gab es immer, aber auch Grenzen. Die Lehrer in der DDR genossen offenbar eine sehr gute Ausbildung, wurden auch in Psychologie geschult. Verhaltenspsychologie, Massendynamik. Was passiert, wenn man einem Störfaktor eine Plattform bietet und wie kann sich das entwickeln? Ich kenne mich in der Ausbildung zum Lehrer in der DDR nicht aus, aber ich kenne die Resultate. Niemand getraute sich, einen Lehrer in irgendeiner Weise anzugreifen. Die Folgen waren Ausgrenzung. Gesellschaftliche Absonderung. Kein Klassenkamerad verbündete sich gern mit einem Rowdy, der offiziell ein "no go" wurde.

Den heutigen Lehrern fehlt einfach das nötige Rüstzeug um mit problematischen Schülern zurecht zu kommen. Die Lehrer haben nicht gelernt mit Problemsituationen zurecht zu kommen. "Deutschland schafft sich ab" ist auch eine Frage der Bildung unserer Lehrer. Was soll ein heutiger Lehrer den ausrichten, wenn ein Schüler ihn verbal angreift oder Tätlichkeiten androht? Hat er eine gesetzliche Handhabe? Zu DDR Zeiten hätte der Lehrer den Rabauken gegebenenfalls an den Ohren aus der Schule gezogen. Gut, sowas stand nie zur Debatte, weil in der DDR einfach keine Gewalt gegen Lehrer vorkam. Das kann man mit damals nicht vergleichen. Was aber können Lehrer heute gegen gewalttätige Schüler unternehmen?

Ein Freund ist selbst Dozent für diverse Bildungsträger. Seine schlimmste Klasse hatte er 2009 in Halle. Er ist sehr souverän, redegewandt und weltoffen. Aber er fühlte sich extrem gemobbt. Er handelte sich sogar Unannehmlichkeiten ein. Damit alle Schüler, auch die ohne Geld, die nötigen Unterrichtsmaterialien zur Verfügung haben, kopierte er für seine Klasse einfach ein Lehrbuch auf eigne Kosten ab. Doch ein Schüler schwärzte ihm bei dem Lehrbuchverlag an. Er meinte: "Reiner, ich wünsche, Du könntest einmal einen Tag als Vertretung meine Klasse übernehmen!". Es hätte mich gefreut. Das Thema Gewalt und Deeskalation ist mir nichts Fremdes. Wie man "den Wind aus den Segeln" nimmt. Ein wenig in die Offensive geht und eine Defensive bei dem Gegenüber zu erzeugen. Das hat man entweder in Zuge seiner Lebenserfahrung gelernt oder als Lehrer in der Ausbildung vermittelt bekommen. Heute wird Lehrern jedoch kaum Einblick in die Psychologie ihrer Zielgruppe vermittelt, wie man auf Gewalt regiert. Dabei sind es sehr einfache Mechanismen. Jeder noch so gewalttätige Mensch ist psychologisch zu beeinflussen. Je höher sein Gewaltpotential, desto mehr Defizite, Ängste hat er. Er ist nicht grundlos aggressiv. Es gibt da einen Hintergrund. Wer übertrieben von "Ehre" redet und sich von diesem Begriff leiten lässt, hat Dinge erfahren, die ihm so und nicht anders reagieren lassen. Wenn jemand schreit: "Wie redest Du mit mir, was machst du mich so an?!", kann man ganz ruhig sagen "Contenance bitte, denke über Deinen Tonfall nach, dann können wir weiter reden.". Wenn das nicht hilft, was zu erwarten ist, offeriert man dem Rabauken einfach einen Auschluss aus der Klasse, der Schule und letztendlich eine strafrechtliche Anzeige, deren Kosten seine Eltern zu tragen haben. Wenn Papa erfährt, was sein liebes Kind für einen Blödsinn anstellt, wird er ihm schon die Leviten im privatem lesen. Der Lehrer darf nur keine Angst haben. Der Schüler kann mit Gewalt und Tod drohen - es ist nur ein Kind das nicht weiß was es redet. Meistens. Der Lehrer muss Gewalt nicht mit Gewalt begegnen. Auch wenn das oft das einfachste wäre. Er kann psychologisch geschult mit Problemen einher gehen. Aber dazu muss unser Staat aber auch erstmal den angehenden Lehrern das Rüstzeug vermitteln?

Ich habe selbst einen Sohn in der 2. Klasse und beobachte peinlich genau die Entwicklung der Klasse. Meine Frau ist Elternsprecherin und hat tiefere Einblicke in die Struktur der Klasse. Welches Kind macht Probleme und aus welchem Elternhaus kommt es. Ich kenne die zukünftigen Rabauken. Wir legen unserem Sohn nahe, zu welchen Kindern er Freundschaften suchen soll um ihnen zu helfen und letztendlich sie zu unterstützen. Da gibt es Leon, er blieb in der 2. Klasse sitzen. Wohnt bei seiner Oma, weil seine Eltern ihn vernachlässigten. Er fühlt sich als Außenseiter in der neuen Klasse. Ist aber ein "Lieber". Wir würden uns freuen, wenn Angel sein Freund wird, er sich nicht als Außenseiter fühlt und auf Abwegen kommt. Wann immer ein Kind in seiner Klasse von anderen Kindern Unrecht erfährt, erklären wir Angel, dass er diesen Kindern beistehen soll. Nicht die Rabauken bedürfen seiner Freundschaft und Hilfe, sondern die Schwachen. Cool ist nicht der Gewalttätige, sondern der, welcher die Kraft hat Schwächeren zu helfen ohne Angst zu haben dafür angemacht zu werden. Helden sind nicht die, die sich der Gewalt anschließen. Helden sind die, die gegen die Gewalt sind und sich dennoch durchsetzen.

Um Kindern diese Werte zu vermitteln, muss ein Lehrer sie aber auch selbst beigebracht bekommen. Solange Lehrer nur Lohnempfänger sind, ohne Bildungsauftrag, kann da nichts werden. Wenn ein Lehrer seine Tätigkeit nur als "Verdienstquelle" ansieht, ohne Verantwortung, kann nichts daraus werden.





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