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Kultivierte Dummheit

Mich inspirierte heute ein Artikel von Christa Schyboll, "Trost für Kranke". Der Staat, ganze Wirtschaftsbereiche profitieren von der Alkoholsucht zehntausender Bundesbürger. Was wäre, wenn alle Bürgergesund leben? Sport treiben, sich gesund ernähren, keinen Alkohol trinken? Unzählige Arbeitsplätze gingen verloren, das Wachstum unserer Wirtschaft würde stagnieren, Arztpraxen werden leerer, Krankenkassen bleiben auf den eingenommen Geldern sitzen und müßten die Beitragssätze reduzieren. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes brachte die Steuern auf Alkoholprodukte im Jahr 2009 über 3.3 Milliarden Euro steuerlichen Profit ein, 1991 lagen sie noch bei 4,3 Milliarden Euro. Doch was bedeutet das für die deutsche Wirtschaft? Rund 43 Milliarden Euro gaben die Verbraucher in Deutschland 2010 für Alkohol und Tabakwaren aus. Damit werden Arbeitsplätze gesichert und somit die Kaufkraft gestärkt.

Aber welche Entwicklungen sind ebenfalls gut für den Staat und die Wirtschaft sowie negativ für den Menschen im einzelnen? Die Spieleindustrie. Deutsche Verbraucher gaben 2010 rund 1,56 Mrd. Euro für Spiele aus. Das erscheint relativ wenig zu sein, die Folgen sind aber gigantisch. Wie viele Kinder und Jugendliche verbringen faßt den ganzen Tag vor dem TV, PC oder einer Spielkonsole? Jede Stunde, die Kinder und Jugendliche solch einer Beschäftigung nachgehen, ist eine verschenkte Stunde in der Entwicklung unserer Kinder. Sie entwickeln sich nicht, sie schlagen die Zeit zwischen Schulende und Abendbrot tot. Sie üben sich nicht in der Kommunikation mit anderen Menschen in ihrer realen Umwelt. Die Welt berichtete im Jahr 2008 " Jedes sechste Kind hat Sprachprobleme". Laut den Sprachtests 2008 haben 15,7 Prozent aller getesteten Kita-Kinder einen Sprachförderbedarf. Die Stuttgarter Nachrichten berichteten bereits 3 Jahre später, am 26. Februar 2011: " Jedes dritte Kind in Stuttgart hat vor der Einschulung große sprachliche Schwächen.".

Kommt das von ungefähr, fielen die Statistiken besser aus, wenn Eltern mit den Kindern reden statt sie vor die Glotze oder die Konsole zu setzen? Wie viele Kinder in welchen Ländern haben einen Migrationshintergrund? 50%? Wie man dieses Problem auch betrachtet, die Zahlen sind deutlich zu hoch. Wie sollen Kinder auch die korrekte Handhabung der deutschen Sprache erlernen, wenn sie nicht täglich ausgiebig geübt wird? Kinder vor der Konsole verlieren mit jeder Stunde wichtige alltägliche Erfahrungen in einem wünschenswerten intakten sozialem Umfeld.

Die Welt berichtete am 3. März 2011: " Jedes zehnte Kind zeigt nach Ansicht von Psychiatern deutlich erkennbare psychische Störungen. ". Mütter kennen das. In jeder Klasse gibt es 2-4 Ausraster und einige Kinder, die in der ersten Klasse nicht richtig reden können. Erstklässler, die auf offener Straße mit Steinen nach der Muttie werfen oder ihre Lehrerin vor der ganzen Klasse beschimpfen. Wo aber kommt das her? Ist das die Folge einer guten Erziehung? Es sind die Folge von Vernachlässigungen und familiären Problemen. Kinder werden nicht als kleine "Monster" geboren. Sie schauen sich das Verhalten von älteren ab. Respekt lernen Kinder nur in einem Umfeld, wo Respekt im Alltag gezeigt und praktiziert wird. Ein respektloses Verhalten zwischen den Eltern wird von den Kindern übernommen. Wenn der Papa kein Respekt vor der Mama hat, wie soll ein Kind erkennen das dies falsch ist? Solche Umstände im familiären Umfeld sind aber auch die Folge unserer Wirtschaft. Arbeitsplätze gibt es immer weniger, Ehepaare beziehen beiderseitig oder teilweise Harz IV, wissen mit sich nichts sinnvolles anzufangen und Spannungen entladen sich in täglichen Konflikten. Dem Kind dient das nicht. Steckt man das Kind auch noch vor eine Spielekonsole oder dem TV, dann hat man dem Kind damit mehr geschadet als geholfen. Wir tragen dazu bei, psychische und sprachliche Probleme bei unseren Kindern zu kultivieren, zu pflegen. Zur Bildung unserer Kinder tragen wir aber nichts bei. Das sei dem Bildungsauftrag der Schule vorbehalten. Der Staat hingegen kürzt Ausgaben für Soziales und erfreut sich statt dessen über Steuereinnahmen aus Alkohol-, Tabak- und Spieleverkäufen. Wäre es nicht möglich, diese jährlich rund 5 Milliarden Steuereinnahmen den Familien und Bildungsträgern zukommen zu lassen?

War das schon immer so? Nein. Es gab einmal eine Zeit, da gab es keine Spielekonsolen und Computer im Kinderzimmer. Auch kein Fernsehgerät. Wie lebten die Kinder damals? Sind sie vor langer Weile gestorben oder geistig zurück geblieben? Natürlich nicht. Viele Kinder hatten ein Hobby als herausfordernde Beschäftigung. Die Frage nach dem Hobby war eine so normale Frage wie: "Na, wir war es heute auf der Arbeit". Heute müßte man fragen "Hast Du noch Arbeit?" und stampft damit oft direkt in ein Fettnäpfchen. Sowa etwas fragt man heute nicht. Ebenso ist heute die Frage nach dem Hobby keine gute Frage. Damals, vor 20 Jahren und erst recht in der ehemaligen DDR, war das alles anders. Intakte Familien vermittelten ihren Kindern Dinge für das Leben, mit denen sie in Zukunft sich durchsetzen konnten. Beide Elternteile hatten Arbeit und keine Zeit um sich den ganzen Tag lang vor den Kindern respektlos zu streiten. Kinder waren außerschulisch in Aktivitäten eingebunden, die das Zusammenleben der Kinder und Jugendlichen untereinander positiv beeinflußten. Sie lernten zu kommunizieren. Die Schule bot Arbeitsgemeinschaften, die viele Interessen der Schüler abdeckten. Zeit zu verschenken hatte kein heranwachsender. Im Gegenteil. Sogar abends wurde heimlich im Bett mit der Taschenlampe gelesen.

Heute fehlen Beschäftigungsangebote für Kinder und Jugendliche. Aber auch die von den Eltern ausgehende Motivation für diese Angebote ist oft nicht vorhanden. Es ist viel einfacher dem Kind eine Spielkonsole zu kaufen, als es für eine sinnvolle Beschäftigung zu motivieren. Die Dummheit wird gefördert, Kultiviert und gesellschaftsfähig gemacht. Warum sonst laufen im TV täglich Sendungen über sozial schwache Familien mit Problemen? Damit der betroffene Zuschauer denkt: "Ich bin nicht allein, bei anderen ist noch mehr kaputt!" und nichts an seiner Situation ändert? Die Medien haben Vorbildfunktionen. Sie sollten weniger verbreiten was Falsch ist, sondern in die Köpfen der Zuschauer das projizieren was unsere Vorstellung von einer guten Welt ist.





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